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Der Frankfurter House-Sound der Neunziger

Hintergrund7 Min. Lesezeit

Wer über deutsche Clubmusik der Neunziger spricht, landet schnell bei Berlin. Der Sound, der aus Frankfurt kam, war ein anderer: weniger hart, stärker an House orientiert, oft mit einem Hang zu langen Arrangements. Ein großer Teil davon lässt sich auf ein einziges Umfeld zurückführen.

Der Plattenladen als Ausgangspunkt

1992 eröffnete in Frankfurt der Plattenladen Delirium. Aus diesem Umfeld entstanden ab 1993 innerhalb weniger Monate drei Labels: Ongaku Musik, Playhouse und Klang Elektronik. Das ist kein Zufall, sondern das übliche Muster jener Jahre. Der Plattenladen war Informationszentrale, Treffpunkt und Vertriebsknoten in einem. Wer wissen wollte, was am Wochenende lief oder welche Importe angekommen waren, ging dorthin.

Die Arbeitsteilung zwischen den drei Labels war ungewöhnlich klar. Playhouse übernahm House, Klang Elektronik den technoiden Teil, Ongaku lief als drittes Standbein. Dass man dafür drei Labels gründet statt einer Reihe mit Unterserien, hat einen praktischen Grund: Plattenläden und DJs sortierten nach Label. Ein Name, der für einen Sound stand, war der schnellste Weg, gehört zu werden.

Was den Sound ausmachte

Die Frankfurter Produktionen dieser Zeit haben ein paar wiederkehrende Merkmale. Sie sind selten laut abgemischt, arbeiten mit viel Raum zwischen den Elementen und bauen Arrangements über lange Strecken auf. Die Beschreibung eines Produzenten auf der Lo-Fi-Stereo-Künstlerseite von 1999 trifft es gut: ein klarer, ausgereifter Sound und die Liebe zu ausgiebigen Arrangements.

Dieser Ansatz war nicht auf Frankfurt beschränkt, aber hier besonders dicht vertreten. Er erklärt auch, warum aus demselben Umfeld später Perlon hervorging, ein Label, dessen ganze Existenz auf der Idee beruht, dass weniger Elemente mehr Wirkung haben.

Von der Platte in den Club

Ab 1999 kam mit dem Robert Johnson in Offenbach ein Club dazu, der eng mit dem Playhouse-Umfeld verknüpft war. Damit schloss sich der Kreis: Label, Plattenladen und Club lagen in denselben Händen beziehungsweise im selben Bekanntenkreis. Für die Musik hatte das konkrete Folgen. Tracks wurden für einen bestimmten Raum produziert und dort getestet, bevor sie gepresst wurden.

Die Rolle des MAD NET

1998 kam das Netz dazu. Unter mad-net.de entstand eine gemeinsame Adresse für Labels aus Frankfurt, Köln, Hanau und Leipzig. Das Selbstverständnis war ausdrücklich nicht kommerziell: Die Sponsorenlinks dienten laut eigener Beschreibung dazu, laufende Kosten zu tragen, nicht dazu, Gewinn zu erzielen. Die beteiligten Firmen kamen überwiegend aus dem Bereich der Musikinstrumentenhersteller.

Aus heutiger Sicht ist das die eigentliche Leistung des Projekts: Es hat für ein paar Jahre sichtbar gemacht, dass diese Labels zusammengehörten, obwohl sie in verschiedenen Städten saßen und musikalisch unterschiedliche Wege gingen. Wie dicht die Verbindungen tatsächlich waren, zeigt sich am besten an den Diskografien. Ein Künstler, der auf Lo-Fi Stereo eine Zwölfzoll veröffentlichte, tauchte zwei Jahre später auf Perlon wieder auf, und die Betreiber von zwei Kleinlabels produzierten gemeinsam für ein drittes.

Was heute davon zu finden ist

Die Labels selbst sind teils verschwunden, teils weitergezogen. Was bleibt, sind Katalognummern in Sammlerdatenbanken und die Archivseiten, auf denen diese Kataloge einmal in ihrem Zusammenhang standen. Der Versuch dieser Seite ist, diesen Zusammenhang wieder lesbar zu machen. Der Einstieg dafür ist das Label-Verzeichnis.